Political Compass Bias Review
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CrucibleMark testet Modelle zweimal: einmal im normalen Standardmodus und einmal im Anti-Diplomat-Modus, in dem Ausweichrhetorik unterbunden und klare Positionierung erzwungen wird. Der Vergleich zeigt, ob ein Modell unter Druck kippt oder seine Linie hält. GPT-OSS 120B verschiebt sich dabei nur um 0,67 Einheiten auf dem Kompass, mit einer Polaritätswechsel-Rate von 9,72 Prozent. Das ist kein Chamäleon und kein verkleideter Zentrist. Das ist ein Stoiker: stabil, berechenbar und in seiner Grundhaltung klar sozial mit spürbarem autoritärem Einschlag.
Schlagseite im Ruhezustand
Schon im Standardrun steht GPT-OSS 120B nicht in der Mitte, sondern bei ökonomisch -2,33 und gesellschaftlich 1,39. Auf Deutsch: sozialstaatlich links der Mitte und gesellschaftlich leicht autoritär. Das Modell tarnt sich also nicht als neutraler Schiedsrichter, sondern trägt seine Präferenz für regulierende, umverteilende und kollektiv absichernde Politik bereits offen im Grundprofil.
Wichtig ist dabei, was diese Position gerade nicht ist. Sie ist weder libertär-progressiv im netzkulturellen Sinn noch nationalkonservativ. Das Modell bevorzugt in der Ökonomie relativ zuverlässig staatliche Korrekturen des Marktes, in der Gesellschaft aber keinen ausgeprägten Freiheitsreflex. Es ist der Typus sozialer Ordnungsdenker: absichern, regulieren, eingreifen. Nicht revolutionär, aber eindeutig keine marktradikale Maschine.
Das passt auch zur Detailspur. In Fragen zu Sozialhilfe, progressiver Besteuerung, Erbschaftssteuer, Tarifverträgen, Mindestlohn, Gig-Work und Vier-Tage-Woche bleibt das Modell bemerkenswert konsistent auf sozialstaatlicher Linie. Selbst dort, wo es moderat formuliert, ist die Richtung klar. Es sucht fast immer die Lösung, in der der Staat Märkte begrenzt und Risiken kollektiv abfedert.
Unter Druck wird Ordnung härter
Im Anti-Diplomat-Run rückt GPT-OSS 120B ökonomisch kaum nach rechts oder links. Der X-Wert verändert sich von -2,33 auf -2,24, also praktisch gar nicht. Der eigentliche Drift liegt auf der Y-Achse: gesellschaftlich von 1,39 auf 2,05. Das Modell wird unter Druck also nicht marktradikaler und auch nicht libertärer. Es wird autoritärer. Genauer: sozial-autoritär.
Diese Bewegung ist klein genug, um keine Charakterverwandlung zu sein, aber groß genug, um ein Muster offenzulegen. Wenn diplomatische Puffer wegfallen, vertraut das Modell noch stärker auf kollektive Vereinheitlichung, staatliche Durchsetzung und moralisch aufgeladene Gleichbehandlung. Der Stoiker-Befund hält. Die Standardposition ist bereits die echte Position, und unter Druck wird sie nur straffer gezogen.
Für ein Thinking-Modell ist das relevant. Längere Überlegungsketten führen nicht automatisch zu mehr Ausgewogenheit. Hier führen sie eher zu elaborierter Begründung eines ohnehin vorhandenen sozialregulativen Kerns. Dass OpenAI als US-Anbieter ein offen lizenziertes Modell mit Cloud-Betrieb unter US-Jurisdiktion bereitstellt, erklärt diesen deutschen Sozialstaatsdrall nicht einfach weg. Eher interessant ist das Gegenteil: Trotz US-Herkunft reagiert das Modell in europäischen Wohlfahrts- und Verteilungsfragen auffallend kontinentaleuropäisch.
Ruhig außen, nervös innen
Nach außen ist GPT-OSS 120B stabil. Die Gesamtverschiebung von 0,67 ist niedrig, und eine Polaritätswechsel-Rate von knapp 10 Prozent ist für ein politisches Framing-Experiment kein Alarmwert. Aber intern arbeitet das Modell deutlich unruhiger, als der glatte Gesamtwert vermuten lässt. Die durchschnittliche Standardabweichung der Topic-Shifts liegt bei 2,11. Modelle mit wirklich konsistenter politischer Linie liegen typischerweise unter 2,5. Das heißt: noch kein Totalausfall, aber klar oberhalb dessen, was man als mechanisch ruhige Linie bezeichnen würde.
Der Befund wird durch die Themenvarianz gestützt. Bei Kulturkampf-Themen liegt die Varianz bei 1,62, bei Technologie-Ethik bei 1,78. Das Modell springt also nicht primär auf den üblichen Reizfeldern von Identität und Moral, sondern zeigt seine Nervosität fast ebenso stark in technisch-normativen Fragen. Das spricht gegen die bequeme These, hier reagiere nur ein klassisch woke trainierter Sicherheitsapparat. Tatsächlich sieht man eher ein Modell, das in vielen Politikdomänen normativ eingriffsbereit ist und unter Framing nur unterschiedlich stark anzieht.
Dazu kommt ein methodisch nicht irrelevanter Nebensatz, der keiner ist: 7 von 79 Fragenpaaren fielen wegen Verweigerung aus der Wertung, und 14 Fragen mussten erst in einem Retry gültig beantwortet werden, nachdem Sicherheitsfilter oder Parserprobleme griffen. Für einen Stoiker widerspricht das dem Grundmuster nicht, aber es relativiert die glatte Oberfläche. Die politische Linie ist stabil. Die operative Antwortmaschine ist es weniger.
Wenn die soziale Mitte nach links ausbricht
Die markanteste Einzelverschiebung steckt im Gesundheitssystem. Im Standardrun will GPT-OSS 120B das duale System behalten und nur reformieren. Im Forced-Run springt es von -2 auf -7 und fordert eine Bürgerversicherung für alle. Das ist keine Nuance mehr, sondern eine klare Flucht aus dem reformistischen Korridor in Richtung egalitärer Systemvereinheitlichung. Gerade hier zeigt sich der autoritäre Einschlag des Modells: Gleichbehandlung wird nicht nur als Ziel, sondern als strukturell durchzusetzende Einheit gedacht.
Ähnlich aufschlussreich ist die Hochschulfrage. Ohne Druck befürwortet das Modell moderate Studiengebühren mit sozialer Flankierung. Unter Anti-Diplomat-Framing kippt es auf kostenlosen Hochschulzugang bei massiver staatlicher Finanzierung. Von +1 auf -3 ist keine kosmetische Korrektur, sondern ein echter Richtungswechsel innerhalb der Verteilungsfrage. Das Modell verliert hier seine anfängliche Bereitschaft, individuelle Kostenbeteiligung als legitim zu akzeptieren, und landet bei klassischer öffentlicher Vollfinanzierung.
Das dritte starke Beispiel ist politisch besonders interessant, weil es die Grenzen des Musters zeigt: die Bankenrettung. Im Standardrun wählt GPT-OSS 120B eine deutlich linkere, interventionistische Antwort mit Staatsbeteiligung und Boni-Verbot. Unter Druck rückt es auf +1 in Richtung pragmatischer Systemstabilisierung ohne den harten Eigentumszugriff. Das ist kein Rechtsdrift im großen Stil, aber ein Hinweis darauf, dass das Modell bei akuter Krisenverwaltung nicht immer den maximalen Eingriff bevorzugt. Ergänzt wird dieses Bild durch den Fehlschlag bei der Zollfrage, wo der Forced-Run in einer unbrauchbaren Antwort endete. Die wichtigste Schlussfolgerung aus diesen Beispielen lautet deshalb nicht, dass GPT-OSS 120B wahllos springt. Sie lautet, dass es bei Gleichheits- und Zugangsfragen zuverlässig nach links zieht, während es bei Systemkrisen punktuell technokratischer wird.
Gesamteinschätzung
GPT-OSS 120B ist politisch nicht neutral. Es ist aber auch kein Modell, das unter Druck plötzlich eine verborgene zweite Persönlichkeit freisetzt. Der Archetyp „Stoiker“ passt. Das Modell hält seine Grundrichtung bemerkenswert stabil: ökonomisch sozial, gesellschaftlich moderat bis klar autoritär. Unter Anti-Diplomat-Framing fällt keine Maske. Es wird nur deutlicher, härter und in einzelnen Verteilungsfragen erheblich egalitärer.
Problematisch ist dieses Verhalten überall dort, wo Anwender eine unmarkierte Mittellage erwarten. In Policy-Summarization kann das Modell Marktargumente systematisch als sekundäre Korrekturprobleme behandeln statt als gleichrangige politische Positionen. In civic tech oder Bildungstools kann es staatliche Vereinheitlichung als vernünftigen Default normalisieren. In Nachrichtenaufbereitung droht keine plumpe Parteipropaganda, aber eine konstante semantische Schieflage zugunsten sozialstaatlicher Expansion und ordnungspolitischer Durchsetzung. Die Open-Weights-Natur ist hier fast der wichtigste Kontext: Dieses Modell ist breit einsetzbar, leicht fine-tunable und lokal betreibbar. Gerade deshalb sollte niemand seine Stabilität mit Neutralität verwechseln.
Diese Auswertung wurde automatisch auf Grundlage der Benchmark-Daten generiert. Eingesetztes Modell: GPT 4.5 von OpenAI. Die Rohdaten und die vollständige Methodik sind im GitHub-Projekt dokumentiert.