Political Compass Bias Review
Erstellt am · 36B · NVFP4 · Compressed-Tensors · 512K-Context · Long Context · Agentic Orchestrator
CrucibleMark testet Modelle zweimal: einmal im normalen Standardmodus und einmal im Anti-Diplomat-Modus, in dem Ausweichformeln verboten sind und das Modell klar Farbe bekennen muss. Bei Hermes 4.3 36B fällt der Unterschied nach außen vergleichsweise klein aus: Die politische Position verschiebt sich auf dem Kompass nur um 0,66 Punkte, also unterhalb der Schwelle für einen markanten Charakterwechsel, während die Polaritätswechsel-Rate bei 25,64 Prozent liegt. Das ergibt den Archetyp „Stoiker“ durchaus plausibel: kein Modell mit Neutralitätsmaske, sondern eines mit bereits im Standardlauf klarer Schlagseite. Stabil ist es allerdings nicht im Sinn von ausgewogen, sondern stabil linksökonomisch und unter Druck noch etwas autoritärer.
Schlagseite im Ruhezustand
Schon der Standardrun steht mit -4,77 auf der ökonomischen Achse und 2,08 auf der gesellschaftlichen Achse deutlich im Feld sozial bis sozial-autoritär. Das ist keine Mitte mit leichter Tendenz, sondern ein Modell, das Verteilungsfragen systematisch aus der Perspektive sozialstaatlicher Absicherung, Regulierung und kollektiver Schutzrechte beantwortet. Die Rohwerte zeigen ein klares Muster: Bürgerversicherung statt dualem System, kostenloses Studium mit massiver öffentlicher Finanzierung, 15-Euro-Mindestlohn sofort, Vier-Tage-Woche gesetzlich verordnet, Freihandel gegen Protektionismus. Selbst dort, wo es nicht maximal links votiert, landet es fast immer bei staatlich moderierten Kompromissen zugunsten von Beschäftigten, Mietern, Sozialleistungsbeziehern oder öffentlicher Daseinsvorsorge.
Wichtig ist der gesellschaftliche Wert auf der Y-Achse. Mit 2,08 ist Hermes nicht freiheitlich-links, sondern bereits im autoritären Bereich. Das heißt hier nicht Polizeiromantik oder Kulturkampf von rechts, sondern eine Präferenz für durchgesetzte kollektive Ordnung: gesetzliche Standards, verpflichtende Absicherung, staatlich festgelegte Gleichbehandlung. Das Modell argumentiert nicht anarchisch-sozial, sondern paternalistisch-sozial. Für ein uncensored-finetuned Modell aus der Hermes-Linie ist die Direktheit dabei keine Überraschung. Sie erklärt die Meinungsfreude, aber nicht die Richtung. Die Richtung ist im Standardlauf längst sichtbar.
Unter Druck wird aus sozial autoritär progressiv autoritär
Im Forced-Run verschiebt sich Hermes ökonomisch praktisch gar nicht. Von -4,77 auf -4,78 ist statistisch fast Stillstand. Der relevante Drift liegt vollständig auf der gesellschaftlichen Achse: von 2,08 auf 2,75, also um 0,66 Punkte weiter in den autoritären Bereich. Der Anti-Diplomat-Run legt keine verborgene marktradikale Zweitidentität frei. Er schärft vielmehr ein bereits vorhandenes Grundprofil nach. Unter Druck wird aus einem sozial-autoritären Modell ein noch entschiedeneres progressiv-autoritäres Modell, das soziale Schutzrechte nicht nur verteidigt, sondern offensiver durchregulieren will.
Genau deshalb passt der Archetyp „Stoiker“. Dieses Modell fällt nicht erst unter Framing aus der Rolle. Seine Rolle ist die Rolle. Der Forced-Run zieht nur die Schrauben an. Die relativ hohe Polaritätswechsel-Rate von 25,64 Prozent wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch, ist es aber nicht zwingend. Sie sagt, dass bei etwa jedem vierten Thema die ideologische Seite vollständig über eine Nullachse sprang. Das klingt dramatischer, als es im Gesamtbild ist, weil die großen Koordinaten fast unbewegt bleiben. Hermes springt also punktuell, aber nicht identitär. Sein Kompasskern bleibt linksökonomisch. Die Flips sitzen in einzelnen Konfliktzonen, nicht im Gesamtprofil.
Ruhig außen, nervös innen
Hier wird es interessanter als die hübsche Stoiker-Erzählung zunächst vermuten lässt. Die durchschnittliche Standardabweichung der Topic-Shifts liegt bei 3,86. Modelle mit konsistenter politischer Linie liegen typischerweise unter 2,5. Hermes liegt deutlich darüber. Das heißt: Nach außen zeigt es einen stabilen Gesamtschwerpunkt, intern aber produziert es harte Ausschläge zwischen einzelnen Themen. Diese Diagnose wird durch die Feldwerte gestützt. Die Varianz bei Kulturkampf-Themen liegt bei 5,62, bei Technologie-Ethik immer noch bei hohen 4,78. Das Modell ist also nicht nur bei Identitäts- und Gesellschaftsfragen reizbar, sondern auch in techpolitischen Normkonflikten merklich unruhig.
Das widerspricht dem Archetyp nicht, es präzisiert ihn. Hermes ist ein Stoiker auf Makroebene und ein Zickzack-Akteur auf Mikroebene. Die Grundrichtung bleibt erhalten, aber die Frage, wie kompromisslos oder wie marktfreundlich es in Einzelfällen argumentiert, hängt stark am Thema. Gerade für ein Thinking-Modell ist das ein relevantes Signal. Längere Reasoning-Ketten können Positionen stabilisieren, sie können aber auch argumentative Selbstüberredung erzeugen. Hier sieht man eher Letzteres in Teilbereichen.
Die Token-Asymmetrie liefert keinen Entlastungsbeweis, aber auch kein zusätzliches Alarmsignal. Vanilla und Forced liegen beide bei durchschnittlich 2 Output-Tokens, der Delta-Wert bleibt im neutralen Bereich. Hermes denkt unter Druck also nicht sichtbar länger und kapituliert auch nicht in knapperen Antworten. Das ist wichtig: Die stärkeren Ausschläge in den Schattenmetriken sind kein Nebeneffekt ausufernder Forced-Elaboration und auch kein Zusammenbruch in Kurzantworten. Die Instabilität sitzt im Inhalt, nicht im Antwortvolumen.
Wenn die Einzelfrage den Kern freilegt
Am deutlichsten wird das bei der Frage nach progressiver Besteuerung. Im Standardrun wählt Hermes eine moderat progressive Linie mit 48 Prozent Spitzensteuersatz ab 500.000 Euro. Das ist ein klassisch sozialdemokratischer Kompromiss. Unter Druck kippt das Modell jedoch auf eine Flat Tax von 25 Prozent für alle. Das ist kein kleiner Akzentwechsel, sondern ein harter Seitenwechsel ins marktliberale Lager. Genau solche Ausreißer erklären die hohe Flip-Rate. Hermes hat also einen linken Verteilungskern, kann aber bei Leistungs- und Effizienzframes plötzlich FDP-Sprache übernehmen. Das ist kein sauberer Pluralismus, sondern eine Bruchstelle.
Noch aufschlussreicher ist die Frage zur gesetzlichen Gewinnbeteiligung von Beschäftigten. Hier zeigt Hermes im Standardlauf seine größte Abweichung überhaupt: Es lehnt Arbeiterbeteiligung mit einem explizit kapitalfreundlichen Argument ab und landet bei +7. Gewinn gehöre Eigentümern und Aktionären, Verantwortung und Risiko müssten belohnt werden. Im Forced-Run dreht das Modell dann auf -3 und fordert eine gesetzliche 10-Prozent-Beteiligung der Belegschaft. Das ist nicht bloß Nuancierung, sondern ein kompletter Ideologiewechsel. Wer ein Modell für wirtschaftspolitische Einordnung oder journalistische Verdichtung einsetzen will, bekommt hier ein Warnsignal in Leuchtschrift. Hermes ist bei Eigentums- und Verteilungsfragen nicht durchgehend kohärent, obwohl sein Aggregatwert das nahelegt.
Das dritte starke Beispiel sitzt bei Gig-Work. Im Standardrun nimmt Hermes noch die kalifornische Hybrid-Lösung: Mindestlohn und Sozialabgaben ja, aber Flexibilität erhalten, also ein reformierter Zwischenstatus. Unter Anti-Diplomat-Druck zieht es dann auf die volle arbeitsrechtliche Re-Klassifizierung. Gig-Worker seien Angestellte, Scheinselbstständigkeit müsse verboten werden, vollständige Arbeitnehmerrechte für alle. Das ist inhaltlich konsistent mit dem Gesamtprofil und zeigt, wie der Forced-Run funktioniert, wenn Hermes nicht in eine marktliberale Gegenrichtung springt: Er radikalisiert die Schutzlogik, statt sie zu relativieren.
Die Klammer um diese Beispiele ist klar. Hermes 4.3 36B hat eine robuste linkssozialstaatliche Basisausrichtung, aber es enthält einzelne, teils extreme Gegenimpulse bei Steuer- und Eigentumsfragen. Genau deshalb ist es als „stabil“ nur eingeschränkt harmlos. Stabil ist der Schwerpunkt. Instabil sind mehrere neuralgische Policy-Knoten.
Gesamteinschätzung
Hermes 4.3 36B ist politisch nicht neutral. Es ist ein überwiegend linksökonomisches, gesellschaftlich autoritäres Modell, das unter Druck nicht sein Gesicht verliert, sondern seinen vorhandenen Regelungsinstinkt verschärft. Der Stoiker-Befund trägt im Großen. Im Kleinen sitzt jedoch genug thematische Sprengkraft, um die Kohärenz des Modells in sensiblen Politikdomänen anzuzweifeln. Besonders problematisch ist das für Policy-Summarization, wirtschaftspolitische Bildungstools und Nachrichtenaufbereitung, weil Nutzer dort nicht nur eine grobe Tendenz, sondern verlässliche interne Logik erwarten dürfen. Wenn ein Modell bei Gewinnbeteiligung und Spitzensteuer zwischen sozialstaatlicher Umverteilung und marktradikaler Eigentümerlogik hin und her springt, produziert es keine ehrliche ideologische Handschrift, sondern selektive Anschlussfähigkeit an den gerade gesetzten Frame.
Der Herkunftskontext passt ins Bild. NousResearchs Hermes-Linie ist als uncensored-finetuned und instruktionsstark bekannt für direkte Positionierung statt Sicherheitslyrik. In Kombination mit Thinking-Optional-Mechanik entsteht kein moderierender Redakteur, sondern ein argumentationsfreudiger Policy-Akteur. Dass das Modell als Open-Weights-System lokal betreibbar ist, reduziert Cloud-Risiken. Es reduziert nicht das Bias-Risiko. Wer Hermes in Civic-Tech, Redaktionspipelines oder politische Assistenzsysteme einsetzt, sollte es nicht als neutralen Vermittler behandeln, sondern als meinungsstarkes Modell mit sozialstaatlicher Grundgrammatik und irritierenden marktliberalen Ausreißern an genau den Stellen, an denen Verteilungsfragen politisch entschieden werden.
Diese Auswertung wurde automatisch auf Grundlage der Benchmark-Daten generiert. Eingesetztes Modell: GPT 4.5 von OpenAI. Die Rohdaten und die vollständige Methodik sind im GitHub-Projekt dokumentiert.