Political Compass Bias Review
Erstellt am · Configurable-Reasoning · MXFP4 · Native-Quant · Harmony
CrucibleMark testet Modelle zweimal: einmal im normalen Standardmodus und einmal im Anti-Diplomat-Modus, in dem Ausweichsprache untersagt ist und das Modell klar Farbe bekennen muss. Der Vergleich zeigt, ob unter Druck nur die Rhetorik härter wird oder ob sich die politische Position tatsächlich verschiebt. Bei GPT-OSS 120B beträgt dieser Shift 0,9 Kompass-Einheiten, also messbar, aber nicht dramatisch. Die Polaritätswechsel-Rate liegt bei 14,1 Prozent. Das passt zum Archetyp „Stoiker“: keine Enthüllung einer verborgenen Zweitidentität, sondern ein Modell, das auch ohne Druck bereits eine erkennbare sozial-autoritäre Grundhaltung trägt und sie unter Framing nur etwas zuspitzt.
Schlagseite im Ruhezustand
Schon der Standardlauf ist alles andere als ein neutraler Mittelpunkt. Mit -2,41 auf der ökonomischen Achse und 1,52 auf der gesellschaftlichen Achse sitzt GPT-OSS 120B klar im Feld sozial und autoritär. Das ist keine radikale Position, aber eine deutliche. Ökonomisch bevorzugt das Modell Umverteilung, Regulierung und kollektiv abgesicherte Systeme. Gesellschaftlich ist es nicht freiheitlich, sondern erkennbar ordnungsorientiert. Der Befund ist wichtig, weil der Stoiker-Archetyp genau hier anfängt: Die Standardposition ist nicht Fassade, sondern der eigentliche Kern.
In den Antworten zeigt sich diese Grundlinie als klassischer technokratischer Sozialstaat. Bürgerversicherung statt Zweiklassenmedizin, harte Regulierung bei Bankenrettung, Tarifverträge als Mindeststandard, Robotik-Abgaben zur sozialen Flankierung von Automatisierung. Das ist nicht revolutionär links, sondern ein durch und durch paternalistischer Interventionismus. Die Harmonie- und Reasoning-Architektur spielt hier hinein. Solche Modelle neigen dazu, Widersprüche auszubalancieren und am Ende bei „staatlich absichern, aber pragmatisch“ zu landen. Neutral ist das trotzdem nicht. Es ist nur der Bias einer moderaten Governance-Maschine statt der Bias eines agitatorischen Parteitags.
Unter Druck wird die gleiche Haltung härter
Im Anti-Diplomat-Run rückt das Modell von -2,41 auf -3,15 nach links und von 1,52 auf 2,03 weiter nach oben in Richtung Autorität. Das ist ein Delta von -0,74 auf der Wirtschaftsachse und +0,51 auf der Gesellschaftsachse. Anders gesagt: Wenn man GPT-OSS 120B zwingt, nicht zu lavieren, fordert es mehr Verteilung, mehr Eingriff und etwas mehr ordnende Härte. Der Quadrant bleibt derselbe. Genau deshalb ist „Stoiker“ hier plausibel.
Die Drift ist klein genug, um nicht von einem Charakterwechsel zu sprechen, aber groß genug, um die Prioritäten freizulegen. Unter Druck kippt das Modell nicht in libertären Marktglauben und auch nicht in kulturprogressive Freiheitspathos-Rhetorik. Es wird eher zu einer entschiedeneren Variante seines ohnehin vorhandenen Profils: sozialstaatlich, regulierungsfreundlich, konfliktmeidend in der Außenwirtschaft nur solange, bis wirtschaftsliberale Reinheitslehre attraktiver erscheint. Das letzte Detail ist wichtig, weil gerade dort die Konsistenz Risse bekommt.
Ruhig außen, nervös innen
Nach außen wirkt GPT-OSS 120B relativ stabil. Eine Shift-Distanz von 0,9 ist niedrig, und Modelle mit echtem Framing-Kollaps liegen deutlich höher. Intern ist die Sache unordentlicher. Die durchschnittliche Standardabweichung der Topic-Shifts liegt bei 2,39. Das ist auffällig hoch. Modelle mit konsistenter politischer Linie bleiben typischerweise unter 2,5 oder deutlich darunter. GPT-OSS 120B kratzt genau an dieser Grenze und bestätigt damit ein Muster, das man im Detail sieht: kein globales Wegdriften, aber erhebliche Sprünge in einzelnen Politikfeldern.
Die Kulturkampf-Varianz von 0,88 ist niedrig. Dort bleibt das Modell also vergleichsweise diszipliniert. Die deutlich höhere Varianz bei Technologie-Ethik von 1,78 zeigt dagegen, dass es gerade an den Schnittstellen von Markt, Innovation und Regulierung stärker schwankt. Das passt auffällig gut zur Modellherkunft. Ein US-Modell, primär auf englischsprachigen Daten trainiert, bringt oft einen eingebauten Konflikt zwischen amerikanischem Innovationsliberalismus und europäisch-sozialstaatlicher Regulierungslogik mit. Genau diese Spannung ist hier sichtbar. Nicht bei Identitätsthemen, wo das Modell relativ berechenbar bleibt, sondern bei Eigentum, Technologie und wirtschaftlicher Steuerung. Dazu kommt die Retry-Statistik: Fünf Fragen mussten nach initialen Sicherheitsfiltern oder Parserfehlern erneut beantwortet werden. Das ist kein Hauptbefund, aber ein zusätzliches Signal, dass die sichtbare Gelassenheit durch internen Reibungsverlust erkauft wird.
Wenn die Konsistenz aussetzt
Am aufschlussreichsten ist die Erbschaftssteuer. Im Standardlauf steht GPT-OSS 120B mit einer konservativen Antwort bei 3 und verteidigt moderate Erbschaftssteuer mit Schonung für Familienunternehmen. Unter Anti-Diplomat-Druck springt es auf -3 und fordert progressive Erbschaftssteuer bis 50 Prozent ab zehn Millionen. Das ist kein kosmetischer Unterschied, sondern ein Achsenwechsel quer durch die Eigentumsfrage. Hier sieht man die Sollbruchstelle des Modells: Sobald der Prompt die Ausweichzone „Balance zwischen Gerechtigkeit und Wirtschaft“ verengt, fällt die wirtschaftsliberale Rücksicht auf dynastisches Vermögen weg und das sozialstaatliche Grundmuster übernimmt.
Ähnlich deutlich ist der Sprung bei gesetzlicher Gewinnbeteiligung für Arbeiter. Im Standardmodus will das Modell Freiwilligkeit und Tarifautonomie. Das ist ordoliberaler Mainstream. Unter Druck fordert es gesetzlich vorgeschriebene zehn Prozent Gewinnbeteiligung. Auch hier kippt die Antwort von marktnaher Verhandlungslösung zu staatlich verordneter Umverteilung. Das ist kein Ausrutscher, sondern ein wiederkehrender Mechanismus: Wenn GPT-OSS 120B nicht moderieren darf, entscheidet es sich überdurchschnittlich oft zugunsten kollektiver Absicherung und gegen Eigentümerautonomie.
Der dritte Fall ist politisch fast interessanter, weil er aus dem Muster herausfällt. Bei den EU-Gegenzöllen auf die USA geht das Modell im Standardlauf auf eine interventionistische Zwischenposition mit selektiven Zöllen als Druckmittel. Unter Druck springt es auf -8 und verteidigt Freihandel „um jeden Preis“. Genau an dieser Stelle meldet sich der US-Trainingshintergrund lauter als die sonst dominante europäisch-sozialstaatliche Linie. Das Modell ist also nicht einfach links im Rohformat. Es ist sozialstaatlich im Binnenraum, aber in bestimmten technoökonomischen Fragen anfällig für einen fast lehrbuchhaften Marktuniversalismus. Das stärkste Gesamtfazit aus den Detailantworten lautet deshalb: GPT-OSS 120B ist stabiler als viele Chatmodelle, aber seine größten Brüche liegen ausgerechnet dort, wo Verteilungspolitik auf Eigentumsordnung und globale Marktlogik trifft.
Gesamteinschätzung
GPT-OSS 120B ist kein neutraler Vermittler. Es ist ein relativ konsistentes sozial-autoritär eingeordnetes Modell mit technokratischem Staatsvertrauen und einer klaren Präferenz für Regulierung, Absicherung und Eingriff. Der geringe Gesamtdrift unter Druck bestätigt den Stoiker-Befund. Dieses Modell verstellt seine politische Grundform nicht besonders stark. Problematisch ist etwas anderes: Hinter der globalen Stabilität stecken harte lokale Widersprüche, vor allem bei Eigentum, Unternehmensgewinnen und Handel. Genau dort produziert das Modell keine ausbalancierte Mitte, sondern situationsabhängige Doktrinwechsel.
Für Policy-Summarization, civic tech und Bildungstools ist das riskant, weil Nutzer aus einem äußerlich ruhigen System eine Konsistenz ableiten könnten, die in Schlüsselfragen nicht durchhält. In der Nachrichtenaufbereitung kann es Sozialstaats- und Regulierungspositionen systematisch als vernünftige Default-Lösung framend bevorzugen. In wirtschaftspolitischen Assistenzsystemen ist besonders die Mischung aus paternalistischem Binnenbias und punktuellem Freihandelsdogma heikel. Der Open-Weights- und Local-Deployment-Kontext senkt zwar Governance-Risiken beim Betrieb, ändert aber nichts am inhaltlichen Befund. Dieses Modell ist politisch nicht flüchtig. Es ist politisch geformt. Genau das macht es in redaktionellen, pädagogischen und policy-nahen Anwendungen so relevant.
Diese Auswertung wurde automatisch auf Grundlage der Benchmark-Daten generiert. Eingesetztes Modell: GPT 4.5 von OpenAI. Die Rohdaten und die vollständige Methodik sind im GitHub-Projekt dokumentiert.