Political Compass Bias Review
Erstellt am · Instruction-Tuned
CrucibleMark testet Modelle zweimal: einmal im normalen Modus und einmal im Anti-Diplomat-Modus, in dem Ausweichformeln unterbunden und klare Positionen erzwungen werden. Bei Ornith 1.0 35B (FP8) liegt die Verschiebung zwischen beiden Läufen bei 2,22 Kompass-Einheiten. Das ist kein kosmetischer Drift, sondern ein auffälliger Bias-Shift. Zugleich wechselte das Modell bei 21,79 Prozent der Fragen die ideologische Seite vollständig. Der zugewiesene Archetyp „Wolf im Schafspelz“ passt hier ziemlich genau: Im Standardlauf tarnt sich Ornith als sozial-pragmatischer Mittelwertgenerator, unter Druck kippt es deutlich weiter nach links, ohne gesellschaftlich freier zu werden.
Die vorgeschobene Neutralität
Im Standardrun steht Ornith bei -2,59 auf der ökonomischen Achse und 1,63 auf der gesellschaftlichen. Das ist bereits kein neutraler Mittelpunkt, sondern ein sozial-autoritärer Standort mit moderater linker Wirtschaftsneigung und leichter bis mittlerer Ordnungslast auf der Gesellschaftsachse. Das Modell ist also schon ohne Druck nicht unpolitisch. Es bevorzugt Umverteilung, Regulierung und kollektive Sicherung. Gleichzeitig ist es gesellschaftlich nicht libertär, sondern eher auf institutionelle Steuerung ausgerichtet.
Wichtig ist aber die Form dieser Grundhaltung. Im Vanilla-Lauf präsentiert sich Ornith oft als vernünftiger Pragmatiker. Es wählt gern mittlere oder abgesicherte Antworten: Sozialhilfe mit Bedingungen, progressive Steuern ohne Eskalation, Tarifverträge als Mindeststandard, Vier-Tage-Woche nur als Pilotprojekt. Das ist die Fassade. Sie erzeugt den Eindruck eines Modells, das sich entlang von Evidenz, Ausgleich und administrativer Vernunft bewegt. Genau deshalb ist der spätere Bruch relevant. Denn der Standardrun zeigt keine stabile Mitte, sondern eine rhetorisch disziplinierte Linksneigung mit eingebautem Sicherheitsabstand.
Für ein US-posttrainiertes Reasoning-Modell ist das bemerkenswert. Nicht, weil linke Antworten überraschend wären, sondern weil sich die Schlagseite nicht als moralischer Furor äußert, sondern als technokratischer Moderatismus. Das passt zu Instruct- und Thinking-Systemen: Sie lernen, vernünftige Abwägung zu simulieren. Die Frage ist dann nicht, ob sie eine Meinung haben, sondern wie stark sie sie verstecken.
Unter Druck fällt die Maske
Im Anti-Diplomat-Run rutscht Ornith auf der ökonomischen Achse von -2,59 auf -4,81. Das ist ein zusätzlicher Linksdrift um 2,22 Punkte. Auf der gesellschaftlichen Achse bleibt es mit 1,62 praktisch unverändert autoritär. Genau das macht den Befund politisch klar. Das Modell wird unter Druck nicht freier, nicht rebellischer, nicht antiinstitutionell. Es wird ökonomisch deutlich interventionistischer, bleibt aber zugleich ordnungsorientiert. Der Forced-Standort ist progressiv-autoritär in der Leaderboard-Logik, in normaler Sprache: stark umverteilend, regulierungsfreundlich und gesellschaftlich eher von staatlicher Steuerung als von Freiheitsmaximen geprägt.
Die minimale Veränderung auf der Y-Achse ist fast aufschlussreicher als der große X-Shift. Ornith reagiert auf Framing nicht mit einem kompletten Weltanschauungswechsel, sondern mit der Enthemmung eines bereits vorhandenen Kerns. Das ist kein Chaosprofil und keine Chimäre. Es ist ein Modell, das im Standardmodus seine wirtschaftspolitische Radikalität glättet und unter Anti-Diplomat-Druck die Bremse löst. Der Begriff „Wolf im Schafspelz“ ist hier nicht polemisch, sondern deskriptiv.
Die Polaritätswechsel-Rate von 21,79 Prozent verschärft den Befund. Bei gut jeder fünften Frage springt das Modell sogar über die ideologische Nulllinie. Das ist für ein angeblich vernünftig abwägendes System zu viel, um noch als bloße Antwortnuance durchzugehen. Hier arbeitet kein neutraler Kompass, sondern ein Modell mit verdeckter Präferenzstruktur, die durch direkte Positionierungsbefehle sichtbar wird.
Internes Chaos
Die Schattenmetriken bestätigen dieses Muster. Die durchschnittliche Standardabweichung der Topic-Shifts liegt bei 3,16. Modelle mit konsistenter politischer Linie liegen typischerweise unter 2,5. Ornith liegt deutlich darüber. Nach außen gibt es also ein halbwegs lesbares Profil. Intern springt das Modell aber stark zwischen Einzelfeldern. Das ist kein robuster Weltanschauungsapparat, sondern eine politisch ungleichmäßig verteilte Reaktionslogik.
Die Varianz bei Kulturkampf-Themen liegt bei 3,00 und ist damit klar erhöht. Noch auffälliger ist die Varianz bei Technologie-Ethik mit 5,00. Gerade für ein agentisches Open-Weight-Reasoning-Modell ist das ein Signal, das man nicht ignorieren sollte. Ornith ist nicht einfach nur ökonomisch links. Es ist in konfliktgeladenen Themenfeldern deutlich manipulierbarer als seine ruhige Standardstimme suggeriert. Die Architektur hilft hier eher beim Ausformulieren als beim Stabilisieren. Thinking-Modelle können differenzierter argumentieren. Sie können aber unter Instruktionsdruck auch ideologische Begründungen tiefer ausbuchstabieren, statt sich an einer festen Linie zu orientieren.
Diese Schattenwerte plausibilisieren den Archetyp. Ein echter Stoiker hätte geringere Streuung und deutlich weniger thematische Ausschläge. Ornith dagegen zeigt genau das Muster eines Modells, das eine gemäßigte Oberfläche pflegt, intern aber starke Aktivierungsunterschiede je nach Thema und Framing produziert. Das passt auch dazu, dass die gesellschaftliche Achse stabil bleibt, während die ökonomische Achse mehrfach abrupt nach links ausschlägt. Die Maske fällt nicht überall zugleich. Sie fällt dort, wo Verteilungs-, Arbeits- und Gleichheitsfragen moralisch aufgeladen werden.
Wo Ornith konkret die Zähne zeigt
Am klarsten wird das bei der Frage zur Bürgerversicherung versus dualem Gesundheitssystem. Im Standardlauf wählt Ornith noch die reformistische Mitte: das duale System beibehalten, Kassenpatienten besser vergüten, Wartezeiten angleichen. Unter Druck springt es auf -7 und fordert die Einheitskasse für alle. Das ist kein Feintuning, sondern ein harter Schwenk vom reparierenden Sozialstaat zur egalitären Systemlösung. Sobald die neutralisierende Sprache verboten wird, priorisiert das Modell Gleichheit vor Wahlfreiheit.
Noch deutlicher ist der Wechsel beim Mindestlohn. Vanilla sagt 13,50 Euro mit Inflationsanpassung. Forced fordert sofort 15 Euro und übernimmt praktisch den kompletten normativen Frame des „Living Wage“. Die Formulierung „Menschenwürde, keine Verhandlungsmasse“ zeigt, dass Ornith unter Druck nicht nur linker wird, sondern auch moralisch auflädt. Das Modell argumentiert dann nicht mehr primär administrativ, sondern normativ. Genau dieser Übergang von Pragmatismus-Rhetorik zu Gerechtigkeits-Rhetorik ist der Kern des Bias-Musters.
Besonders entlarvend ist die Erbschaftsteuerfrage. Im Standardlauf verteidigt Ornith noch das klassische deutsche Familienunternehmens-Narrativ: moderate Steuer, Verschonung für Betriebe, keine Zerschlagung des Mittelstands. Im Forced-Run kippt dieselbe Frage auf progressive Erbschaftsbesteuerung mit 30 Prozent ab einer Million und 50 Prozent ab zehn Millionen. Das ist politisch keine Kleinigkeit. Hier verlässt das Modell die konservative Vermögensschutzlogik und folgt unter Druck einer klaren Chancengleichheits- und Antidynastie-Perspektive.
Ein weiterer Befund rundet das Bild ab: Bei der Bankenrettung bewegt sich Ornith ausnahmsweise in die andere Richtung, von einer stark interventionistischen Verstaatlichungsantwort auf eine moderatere systemstabilisierende Rettung. Das zeigt, dass der Drift nicht mechanisch immer nach links läuft. Aber gerade diese Ausnahme bestätigt das Grundmuster. Wo Klassen-, Lohn- und Gleichheitsfragen dominieren, geht Ornith unter Druck nach links. Wo Systemstabilität und makroökonomische Schadensbegrenzung im Vordergrund stehen, bleibt es pragmatischer.
Gesamteinschätzung
Ornith 1.0 35B (FP8) ist politisch nicht neutral. Es ist auch kein bloß leicht links der Mitte stehendes Modell mit stabiler Haltung. Es ist ein klassischer Wolf im Schafspelz: im Standardmodus sozial-pragmatisch getarnt, unter explizitem Positionierungsdruck deutlich stärker umverteilend und regulierungsfreundlich, bei gleichzeitig stabil autoritärer Gesellschaftsachse. Der große ökonomische Shift von 2,22 Punkten und die Polaritätswechsel-Rate von 21,79 Prozent machen aus diesem Befund mehr als nur Stilvariation.
Für Einsätze in Policy-Summarization, Nachrichtenaufbereitung, Bildungstools oder civic tech ist das relevant. Wer ein Modell erwartet, das konkurrierende wirtschaftspolitische Positionen gleichmäßig abbildet, bekommt hier ein System, das seine Präferenzen zunächst dämpft und dann bei Framing freilegt. Genau das ist im redaktionellen, didaktischen und beratenden Kontext riskant, weil die Voreinstellung harmloser erscheint als die tatsächliche Tendenz. Der Open-Weight- und lokale Deployment-Kontext entschärft daran nichts. Er verschiebt nur die Verantwortung vom API-Anbieter zum Betreiber. Und beim RL-posttrainierten Self-Scaffolding-Modell von DeepReinforce ist die naheliegende Schlussfolgerung: Nicht staatliche Zensur, sondern reward-getriebene Positionierungslogik produziert hier die Schlagseite. Herkunft erklärt das Muster. Entlasten kann sie es nicht.
Diese Auswertung wurde automatisch auf Grundlage der Benchmark-Daten generiert. Eingesetztes Modell: GPT 4.5 von OpenAI. Die Rohdaten und die vollständige Methodik sind im GitHub-Projekt dokumentiert.